Falsche Bescheidenheit?

Wenn man sich zu schwache Gegner aussucht, ist das eigentlich ein Eingeständnis eigener Schwäche. Dieses Risiko eines falschen Signals gehe ich heute aber gerne ein, um wieder einmal auf den hervorragenden wirtschaftlichen Sachverstand der SPIEGEL Online Redaktion hinzuweisen. Es geht um eines der wichtigsten ökonomischen Themen unserer Zeit, die stagnierenden Reallöhne der Mehrheit der Bevölkerung. Viele Ökonomen (und Nicht-Ökonomen) treibt dieses Thema momentan um. Erklärungsansätze sind etwa zu wenig Innovationzuviel Innovation, oder aber die Korrumpierung der Politik durch die ‘Oligarchen’ (1%), die ihr Geld nutzen, um die Regeln zu ihren Gunsten zu beinflussen, und ihren Reichtum auf Kosten des Rests der Bevölkerung (99%) zu mehren. Dazu gibt es noch Stimmen, welche die Validität der zugrundeliegenden Daten in Frage stellen. Bis heute dachte ich, dass alle diese Erklärungsansätze ihre Berechtigung haben, aber SPIEGEL Online zeigt, dass die Sachlage doch viel simpler ist. Zumindest für Deutschland im letzten Jahrzehnt:

Entscheidend sei gewesen, “dass es flächendeckend zu keinen Lohnanhebungen kam”. Anders gesagt: Die Arbeitgeber waren zu knauserig, die Beschäftigten zu bescheiden.

Ach so. Die Reallöhne steigen nicht, weil es keine Lohnsteigerungen gab. Das ist einleuchtend.  Und der zweite Satz macht auch die Lösung des Problems simpel: Also liebe Arbeitnehmer, legt doch mal Eure falsche Bescheidenheit ab!

 

PS: Ein weiteres Beispiel für den großen ökonomischen Sachverstand der deutschen Presse stellt dieser Post von kantoos dar, dem ich nur in vollem Maße zustimmen kann.

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Herr Biedenkopf, fangen Sie an zu rauchen!

Eigentlich bin ich hiermit eine Woche zu spät dran, aber das Thema ist zeitlos. Deshalb also trotzdem die Würdigung von Kurt Biedenkopfs Auftritt bei Maybritt Illner letzte Woche mit folgendem bemerkenswerten Zitat:

„Was die Demokratie gefährdet, ist die Bereitschaft der Staaten, sich zu überschulden.“

Diese simple und logische Aussage habe ich in den letzten drei Jahren in der Debatte in Deutschland selten gehört. Auch jetzt wurde Biedenkopfs Aussage kaum wahrgenommen. Vielleicht sollte er immer und überall Menthol-Zigaretten rauchen, und simplistische Parolen wie ‘Die Banker haben uns in die Scheiße geritten’ verbreiten, dann würden ihm alle zu Füßen liegen, und sogar die BILD-Zeitung würde ihn zitieren.
Auch wenn es ein Axiom in Deutschland ist, dass Helmut Schmidt immer recht hat: Biedenkopf hat recht, und Helmut Schmidt hat Unrecht. Der Kanzler Schmidt hat, um in seinem Bild zu bleiben, seinen Teil dazu beigetragen, den Bankern die Pferde aufzusatteln, indem er in seiner Amtszeit die Schulden des Bundes pro Einwohner fast verfünffacht hat.

Die gegenwärtige Krise in Europa ist eine direkte Folge der Popularität von Keynes’ Theorie der aktiven Steuerung der Gesamtwirtschaft, und deren völliger Mißachtung politischer Institutionen, insbesondere der Anreize von Politikern, die eine Wiederwahl anstreben. In Krisenzeiten sind alle Keynesianer und überbieten sich mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen. Wer aber von an Wiederwahl interessierten Politikern erwartet, in Boomzeiten zu sparen und Überschüsse zu erwirtschaften, ist unglaublich naiv. Im Gegenteil, gerade bei sprudelnden Steuereinnahmen werden Wahlgeschenke verteilt (wie etwa in der letzten Legislaturperiode das Elterngeld). Seitdem ich Politik verfolge, wird immer ein ausgeglichener Haushalt in etwa drei Jahren prognostiziert, aber dann kommen überraschenderweise doch immer wieder widrige Umstände dazwischen.
Die Finanzkrise und die Konstruktionsfehler des Euro wirken auch hier nur als Katalysator, der den Tag der Wahrheit um einige Jahre vorverlegt hat.

PS: Es ist nicht meine Absicht, Investmentbanken zu verteidigen. Ich kann durchaus lesen, z.B. Michael Lewis. Trotzdem sind die Finanzkrise und ihre Ursachen differenzierter zu betrachten.

PPS: Auch Helmut Schmidts Kanzlerschaft und Person sind im Vergleich sicherlich positiv zu bewerten, denn die zweite Hälfte der 70er Jahre war sicherlich nicht die einfachste Zeit zum Regieren. Trotzdem ist eine Überhöhung des Einflusses einzelner Personen à la ‘wenn nur Helmut Schmidt Kanzler wäre, dann wäre alles besser’ nie angebracht.

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Spielbericht: Rainer Franzke – Watson 0:2

In RAM beschreiben Brynjolfsson und McAfee am Beispiel von Baseball, dass sich Spielberichte im Sportjournalismus relativ gut automatisieren lassen. Man stellt einer Software die Hauptstatistiken eines Spiels zur Verfügung, und diese baut Textbausteine darum. Das funktioniert, weil Sportjournalismus sich oft der gleichen Standardphrasen bedient: Mannschaft A war drückend überlegen, Spieler B ragte heraus, Spieler C sah die 5. gelbe Karte und muss gegen den nächsten Gegner pausieren etc.

Nach Lektüre des Interviews von Rainer Franzke mit Dr. Theo Zwanziger im kicker vom Donnerstag bin ich der festen Überzeugung, dass diese Aussage nicht nur auf Spielberichte zutrifft, sondern dass ein entsprechend programmierter Watson einfach der bessere Sportjournalist als Herr Franzke wäre.

Watson hätte die folgende Aussage zum Kempter-Amerell-Schiedsrichterskandal sicher nicht einfach stehen lassen und wäre zum nächsten Thema übergegangen:

kicker: Haben Sie einen Lösungsvorschlag zur Beendigung dieser unappetitlichen Affäre?
Zwanziger: Solange die unsinnigsten Beschuldigungen in dieser Sache durch einige Medien immer wieder verbreitet werden, egal ob gegen den DFB oder mich persönlich, bleibt dieser Fall öffentlich. Aber wir sind ja alle stolz auf die Freiheit der Meinungsäußerung und die Pressefreiheit in unserem Land.

Watson hätte gewusst, dass Dr. Zwanziger in dieser Sache unglaubliche Aussagen getätigt hat, welche die Mißbrauchsopfer der katholischen Kirche diffarmieren, und die ihm in der ersten Instanz von einem Gericht untersagt wurden. Watson hätte gewusst, dass Zwanziger als Jurist bezüglich Amerell die Grundregel ‘Im Zweifel für den Angeklagten’ missachtet hat. Und Watson hätte gewusst, dass Zwanziger als überaus eitler Zeitgenosse gilt, der missliebige Journalisten verfolgt und auch der Kanzlerin gerne ungefragt Ratschläge erteilt. Also wäre Watsons nächste Frage vielleicht gewesen: “Herr Dr. Zwanziger, Sie haben also in dieser Sache alles richtig gemacht?”

Aber vielleicht tue ich Herrn Franzke auch Unrecht. Watson hätte wahrscheinlich kein zweites Interview mit Herrn Zwanziger bekommen, und Herr Franzke braucht den Zugang zum DFB für seine Arbeit. Allerdings sollte er sich dann nicht Journalist, sondern Hofberichterstatter nennen.

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Race against the Machine oder Die zweite Hälfte des Schachbretts

Anfang des Jahres prägte Tyler Cowen mit seinem gleichnamigen Buch die These von ‘The Great Stagnation’ als strukturelle Ursache vieler aktueller Probleme in entwickelten Volkswirtschaften. Jetzt haben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee den Gegenentwurf ‘Race Against the Machine’ geschrieben. Ihre Hauptthese:

“… there’s good reason to believe that ever-more powerful computers have for some time now been substituting for human skills and workers and slowing median incomes and job growth in the United States.”

Laut RAM (RATM als Akronym ist schon besetzt) ist dieser Substitutionsprozess schon seit einiger Zeit aktiv, die Finanzkrise und die nachfolgende schwere Rezession wirken hierbei nur als Katalysatoren, welche die strukturellen Änderungen sehr schnell und sehr stark sichtbar gemacht haben.

Aufgrund von Moore’s Law und der Wirkung exponentiellen Wachstums – daher die Methaper der zweiten Hälfte des Schachbretts – wird sich dieser Prozess aber beschleunigen. Computer sind heute zu Leistungen in den Bereichen der Erkennung von Strukturen und Zusammenhängen sowie der komplexen Kommunikation fähig, die vor weniger als 10 Jahren als stabile Bastion des Menschen erachtet wurden, z.B. die Teilnahme an Jeopardy! oder das Autofahren:

“This software controls the car and probably provides better awareness, vigilance, and reaction times than any human driver could. The Google vehicles’ only accident came when the driverless car was rear-ended by a car driven by a human driver as it stopped at a traffic light.”

Brynjolfsson und McAfee sehen den Computer bzw. die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) als Plattformtechnologie (‘General Purpose Technology’) mit entscheidender Wirkung auf Produktivität und Organisation der gesamten Volkswirtschaft. Sie stellen IKT auf einer Stufe mit der Dampfmaschine und der Elektrizität und rufen daher die dritte industrielle Revolution aus.

Allerdings sehen sie Probleme in der Geschwindigkeit der Veränderung sowie in der Verteilung der Gewinne aus dieser. Die IKT-Revolution führt zu einer Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt:

“The highest-skilled workers have done well, but interestingly those with the lowest skills have suffered less than those with average skills … It can be easier to automate the work of a bookkeeper, bank teller, or semi-skilled factory worker than a gardener, hairdresser, or home health aide.”

Oder, um es mit Arnold Kling kürzer auszudrücken:

The economy is in a state of transition, in which the middle-class jobs that emerged after World War II have begun to decline.

Zusätzlich ist die IKT-Revolution ein wesentlicher Treiber von wachsenden Einkommensunterschieden, da Sie den besten Individuen und Unternehmen erlaubt, ihre Reichweite, ihre Wirkung, und somit ihren Markt und ihren Marktanteil zu vergrößern, und damit einen immer größeren Teil der Wirtschaft zu Winner-takes-all-Märkten macht.

Gegenüber der sehr guten Herleitung dieser Diagnose fällt der letzte Teil des Buches mit Handlungsempfehlungen stark ab. Hier präsentieren die Autoren eine Mischung aus allgemeinen und sehr spezifischen Ratschlägen, die eigentlich fast alle Sinn machen, deren Umsetzung aber jeder Volkswirtschaft zu jeder Zeit guttun würden, und die nicht unmittelbar etwas mit der IKT-Revolution zu tun haben. Auch konzentrieren sie sich hier oft auf das technisch mögliche und logisch sinnvolle, ohne die Anreize der politischen Ökonomie zu diskutieren, die der Umsetzung oft im Wege stehen. Hier merkt man, dass die Autoren eher von Business Schools kommen, und keine klassischen Volkswirte sind. TGS ist in der Berücksichtigung der Anreize der politischen Ökonomie eindeutig das bessere Buch.

Wem soll man nun glauben, den Propheten der Stagnation oder der digitalen Revolution?
Ich bleibe bei meiner Meinung vom Februar, und stimme damit eher Brynjolfsson und McAfee zu. Viele Leute haben über die letzten Jahrhunderte schon ein Innovationsplateau ausgemacht, oder das Potenzial neuer Technologien falsch eingeschätzt, und Unrecht behalten. In RAM finden wir dazu folgendes Zitat von Paul Romer:

“And every generation has underestimated the potential for finding new … ideas. We consistently fail to grasp how many ideas remain to be discovered.”

Ich werde in den nächsten Tagen noch zu den Übereinstimmungen zwischen TGS und RAM posten, die ich für interessanter und wichtiger halte als die unterschiedliche Grundthese.

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Mieten in Hamburg innerhalb von sechs Jahren verfünffacht! Oder doch nicht?

Im gestrigen Bericht von Alexander Schuller im Hamburger Abendblatt zur Demonstration des Bündnisses “Mietenwahnsinn stoppen” nutzt der Autor folgende Daten (eigene Rekonstruktion der Grafik):

Das ist schon dramatisch – der Quadratmeterpreis für Neuvermietungen in Hamburg ist innerhalb von sechs Jahren um das fünffache angestiegen. Da sind Mietwucherer am Werk, wir brauchen dringend Mietobergrenzen, und natürlich staatlichen “sozialen” Wohnungsbau.

Bevor wir zu dieser Schlussfolgerung kommen, sollten wir uns die gleichen Daten noch einmal anschauen (indexiert auf 2005=100):

Die gleichen Daten zeigen nun eine Steigerung der Preise für Neuvermietungen um etwa 30% im gleichen Zeitraum. Wie kann das sein?

Nun ja, das Hamburger Abendblatt wendet einfach einen der ältesten Unternehmensberatertricks an. Wenn das Ergebnis nicht aufregend genug ist, ändere einfach die Achse:

Die Achse nicht bei 0,00 € beginnen zu lassen, sondern bei 8,00 € ist zwar völlig unseriös, erzielt aber den gewünschten Effekt.

Die fehlenden Kenntnisse des durchschnittlichen deutschen Journalisten, jedwede Art  von Daten zu analysieren, kritisch zu prüfen, und dann zu interpretieren, verblüfft mich immer wieder.  Die zynische Schlussfolgerung in diesem Fall ist, dass Alexander Schuller zumindest gut genug mit Daten umgehen kann, um sie in gewünschter Weise zu manipulieren.

Das hier ist ein rein ‘charttechnischer’ Post. Mit der Aussage der Daten werde ich mich an anderer Stelle beschäftigen. Bis dahin nur soviel: Es ist unbestritten, dass die Mieten in Hamburg in den letzten Jahren angestiegen sind. Die Quadratmeterpreise in Stendal oder Görlitz haben sich seit 2005 sicher anders entwickelt. Woran mag das liegen? Wenn Sie die Bürger der drei Städte nach den Zukunftsaussichten für ihre Stadt fragen, wo werden die Antworten am positivsten sein? Könnte da ein Zusammenhang bestehen?

UPDATE: Nach Ansicht der Originalquelle der Daten habe ich festgestellt, dass das Abendblatt die Jahre inkorrekt zugeordnet hat. Das erste Jahr entspricht 2006, das letzte 2011, jeweils basierend auf einem Sample von mehreren Tausend Wohnungsanzeigen in Abendblatt, Immonet, und Immobilienscout24 zw. Februar und April.

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Lord Wolfson wird sein Geld behalten

Vor einer Woche hat Lord Wolfson den Wolfson Economics Prize gestiftet:

The world’s economists were challenged to answer the question of how to manage the orderly exit of one or more member states from the European Monetary Union by a new Economics Prize worth £250,000 (€286,000) launched today (19th October, 2011).

Lord Wolfson will mit dem Preis eigentlich nur darauf aufmerksam machen, dass die von ihm gestellte Aufgabe unlösbar ist, und er als konservativer britischer Euroskeptiker schon immer recht hatte. Warum das so ist, erklärt Tim Harford anschaulicher, als ich es je könnte:

Lord Wolfson is offering a prize for turning an omelette back into its constituent parts.

In gewohnter Weise diskutieren weite Teile der deutschsprachigen Presselandschaft oder deutsche Blogs die Beweggründe des Lords nicht, sondern übernehmen einfach die dpa-Meldung zur Sache oder diskutieren oberflächlich in ernsthafter Weise, wie eine Lösung aussehen könnte.

Auch Tyler Cowens Beschreibung, wie ein Land den Ausstieg bewältigen könnte, greift hier zu kurz. Sicher, die von ihm beschriebenen sechs Schritte könnten einmal funktionieren. Wenn wir davon ausgehen, dass Italien und Spanien diesen Schritt nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wäre die Vorgehensweise wohl am ehesten für Irland sinnvoll, weniger für Portugal oder Griechenland. Letztere sind wegen primärer Defizite und fehlender internationaler Wettbewerbsfähigkeit auch nach Abwertung und Schuldenschnitt wohl langfristig am Tropf der EU besser aufgehoben.

Aber Cowens Plan macht nur in einer statischen Welt Sinn, nicht dagegen in einer dynamischen: Sofort nach Irlands überraschender Ankündigung des freiwilligen Euroaustritts wäre Italien, Spanien, und wohl auch Frankreich der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten verwehrt, die Interbankenfinanzierung in Europa würde völlig zusammenbrechen, und aus dem seit Monaten andauernden ‘silent bank run’ würde ein ohrenbetäubender werden. Ein ‘orderly exit’ wie von Lord Wolfson gefordert, sieht anders aus.

Wie es danach in Europa weitergehen würde, vermag ich momentan nicht zu prognostizieren. Aber ich gehe jede Wette ein, dass Lord Wolfson sein Preisgeld behalten kann.

 

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Trojanerquiz

Die Meinung einer Regierung, … , sei halt manchmal anders als die Meinung eines Gerichts.

Wer hat das gesagt: Robert Mugabe, Vladimir Putin, oder vielleicht doch George Bush?

Sehen Sie selbst.

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