Amy Chua, Thilo Sarrazin und der preußische Schulmeister

Mein verspäteter Beitrag zur Debatte: Amy Chuas Buch ist seit kurzem in deutscher Übersetzung erhältlich. Somit gibt Sie uns die Möglichkeit, dem Niedergang des Westens aufzuhalten, indem wir unseren Kindern unwichtige Spielphasen und Besuche bei Freunden verbieten, und sie statt dessen zu Nachmittagskursen in Mathe, Mandarin und ‘Für Elise’ am Klavier prügeln.
Einige Anmerkungen:
1. Sehr passend, dass Thilo Sarrazin das chinesische Erziehungssystem lobt, denn ich sehe ‘The battle hymn’ als chinesisch-amerikanische Ausgabe von ‘Deutschland schafft sich ab’ (kein Link – Monetisierung hat ethische Grenzen): man wähle ein heiß diskutiertes Thema wie ‘China wins the future‘, nehme dazu eine medienwirksame Extremposition ein, und schon hat man das je nach Motivationslage gewünschte Ergebnis: Geld, Rampenlicht etc.
2. Inhaltlich halte ich das Ganze für Schwachsinn. Den positiven Effekt auf schulische und musische Leistungen will ich dabei gar nicht bestreiten. Als Vater meine ich jedoch, dass die Amy-Chua-Methode Kinder emotional vergewaltigt (s. z.B. hier). Vor allem sorgt Chua für sehr viele unglückliche Kinder, indem sie die Dimensionen des Statuswettbewerbs extrem einengt. Es gibt eben nur einen Sieger des regionalen Mathe- oder Klavierwettbewerbs. (Und Chuas Devise ist sicher ‘Second is the first loser’.) Dazu Will Wilkinson:

It’s just way better to be the world’s best acrobatic kite-surfer than the third best pianist in Cleveland. Also, the ethos of hyper-individuation is about activity/personality search and matching. It’s better to be happily
mediocre at something you love than miserably amazing at something that never quite felt right.

3. Ich bin mir nicht sicher ob Chua die chinesische oder die chinesich-amerikanische Erziehung beschreibt. Falls Erziehung in China wirklich so funktioniert, dann ist das durchaus ein Grund zur Sorge. Ein strenges Erziehungssystem, dass Disziplin und Gehorsam über die Zeit zum Selbstzweck erhoben hat, gab es schon mal:

…{Wilhelm von Humboldt} widmete den Großteil seines späteren Lebens dem Aufbau eines staatlichen Schulsystems, das dann ein Muster für die übrige Welt geworden ist. Das allgemeine Bildungsniveau, das Preußen auf diese Weise erreichte, war zweifellos eine der Hauptursachen seines schnellen Wirtschaftsaufstiegs, … Man fragt sich jedoch, ob dieser Erfolg nicht zu teuer erkauft war. Die Rolle, die Preußen während der folgenden Generationen spielte, lässt bezweifeln, ob der vielgepriesene preußische Schulmeister ein ungemischter Segen für die Welt, ja selbst für Preußen war. (F.A. v. Hayek, Die Verfassung der Freiheit)

Gepaart mit einem wachsenden Nationalstolz, der zumindest teilweise auf einem Gefühl wirtschaftlicher Überlegenheit beruhte, hatte dieses System seinen Anteil an den größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Remo Largo stellt dazu die richtige Frage:

„Welches Menschenbild streben wir an? Möchten wir mit diesem Kult um Disziplin wirklich unsere Jugend zu unselbständigen, unkreativen und komplett angepassten Menschen erziehen?“

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