Race against the Machine oder Die zweite Hälfte des Schachbretts

Anfang des Jahres prägte Tyler Cowen mit seinem gleichnamigen Buch die These von ‘The Great Stagnation’ als strukturelle Ursache vieler aktueller Probleme in entwickelten Volkswirtschaften. Jetzt haben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee den Gegenentwurf ‘Race Against the Machine’ geschrieben. Ihre Hauptthese:

“… there’s good reason to believe that ever-more powerful computers have for some time now been substituting for human skills and workers and slowing median incomes and job growth in the United States.”

Laut RAM (RATM als Akronym ist schon besetzt) ist dieser Substitutionsprozess schon seit einiger Zeit aktiv, die Finanzkrise und die nachfolgende schwere Rezession wirken hierbei nur als Katalysatoren, welche die strukturellen Änderungen sehr schnell und sehr stark sichtbar gemacht haben.

Aufgrund von Moore’s Law und der Wirkung exponentiellen Wachstums – daher die Methaper der zweiten Hälfte des Schachbretts – wird sich dieser Prozess aber beschleunigen. Computer sind heute zu Leistungen in den Bereichen der Erkennung von Strukturen und Zusammenhängen sowie der komplexen Kommunikation fähig, die vor weniger als 10 Jahren als stabile Bastion des Menschen erachtet wurden, z.B. die Teilnahme an Jeopardy! oder das Autofahren:

“This software controls the car and probably provides better awareness, vigilance, and reaction times than any human driver could. The Google vehicles’ only accident came when the driverless car was rear-ended by a car driven by a human driver as it stopped at a traffic light.”

Brynjolfsson und McAfee sehen den Computer bzw. die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) als Plattformtechnologie (‘General Purpose Technology’) mit entscheidender Wirkung auf Produktivität und Organisation der gesamten Volkswirtschaft. Sie stellen IKT auf einer Stufe mit der Dampfmaschine und der Elektrizität und rufen daher die dritte industrielle Revolution aus.

Allerdings sehen sie Probleme in der Geschwindigkeit der Veränderung sowie in der Verteilung der Gewinne aus dieser. Die IKT-Revolution führt zu einer Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt:

“The highest-skilled workers have done well, but interestingly those with the lowest skills have suffered less than those with average skills … It can be easier to automate the work of a bookkeeper, bank teller, or semi-skilled factory worker than a gardener, hairdresser, or home health aide.”

Oder, um es mit Arnold Kling kürzer auszudrücken:

The economy is in a state of transition, in which the middle-class jobs that emerged after World War II have begun to decline.

Zusätzlich ist die IKT-Revolution ein wesentlicher Treiber von wachsenden Einkommensunterschieden, da Sie den besten Individuen und Unternehmen erlaubt, ihre Reichweite, ihre Wirkung, und somit ihren Markt und ihren Marktanteil zu vergrößern, und damit einen immer größeren Teil der Wirtschaft zu Winner-takes-all-Märkten macht.

Gegenüber der sehr guten Herleitung dieser Diagnose fällt der letzte Teil des Buches mit Handlungsempfehlungen stark ab. Hier präsentieren die Autoren eine Mischung aus allgemeinen und sehr spezifischen Ratschlägen, die eigentlich fast alle Sinn machen, deren Umsetzung aber jeder Volkswirtschaft zu jeder Zeit guttun würden, und die nicht unmittelbar etwas mit der IKT-Revolution zu tun haben. Auch konzentrieren sie sich hier oft auf das technisch mögliche und logisch sinnvolle, ohne die Anreize der politischen Ökonomie zu diskutieren, die der Umsetzung oft im Wege stehen. Hier merkt man, dass die Autoren eher von Business Schools kommen, und keine klassischen Volkswirte sind. TGS ist in der Berücksichtigung der Anreize der politischen Ökonomie eindeutig das bessere Buch.

Wem soll man nun glauben, den Propheten der Stagnation oder der digitalen Revolution?
Ich bleibe bei meiner Meinung vom Februar, und stimme damit eher Brynjolfsson und McAfee zu. Viele Leute haben über die letzten Jahrhunderte schon ein Innovationsplateau ausgemacht, oder das Potenzial neuer Technologien falsch eingeschätzt, und Unrecht behalten. In RAM finden wir dazu folgendes Zitat von Paul Romer:

“And every generation has underestimated the potential for finding new … ideas. We consistently fail to grasp how many ideas remain to be discovered.”

Ich werde in den nächsten Tagen noch zu den Übereinstimmungen zwischen TGS und RAM posten, die ich für interessanter und wichtiger halte als die unterschiedliche Grundthese.

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